Ein echtes Kleinod: die Kapelle St. Maria und Nikolaus in Mariatal

Rund 600 m südlich der ehemaligen Klosterkirche Weißenau, verbunden durch eine stimmungsvolle Allee, befindet sich die Kapelle St. Maria und Nikolaus. Die Weißenauer nennen sie liebevoll "Kapelle Mariatal", nach dem offiziellen Ortsnamen des kleinen, zu Weißenau gehörenden Weilers, wo das Kirchlein und der Friedhof liegen. Vom 12. bis zum 14. Jahrhundert befand sich in Maisental, wie der Weiler ursprünglich hieß, ein Frauenkloster des Prämonstratenser-Ordens, das an den Männerkovent des Klosters Weißenau angeschlossen war.

Zentrum des Prämonstratenser-Schwesternkonvents

Um 1156, wenige Jahre nach seiner 1145 erfolgten Stiftung, konnte das Prämonstratenserstift Weißenau das nahegelegene Gut Maisental erwerben, das heutige Mariatal. Erstmals urkundlich erwähnt wird das Gut 1172 als Maisuntale (Maisental), was möglicherweise auf das Wort Maiß (= 'Waldstück, das zur Abholzung bestimmt ist') zurückgeht. Im 13. und 14. Jahrhundert taucht in Schriften auch der Name Maidental (von Maid = 'Nonne') auf.

Nach der Übernahme des Guts lösten die Weißenauer Prämonstratenser die ursprünglichen Zehntrechte der Pfarrei Eschach ab und errichteten dort eine kleine Kirche. Sie war Teil des Schwesternkonvents der Prämonstratenserinnen, der parallel zum Männerkloster in Weißenau bestand. Das Zusammenleben in sogenannten Doppelköstern (lat. monasteria duplicia), in denen Frauen und Männer in räumlichen getrennten Konventen, aber vereint in einem Kloster zusammenlebten, war bei den Prämonstratensern damals weit verbreitet.

Am 7. November 1166 wurde die Klosterkirche von Bischof Otto von Konstanz zu Ehren der Jungfrau Maria und des heiligen Nikolaus geweiht. Weißenau gehört damals zum Bistum Konstanz. Die Diözese Rottenburg (seit 1978: Diözese Rottenburg-Stuttgart) wurde erst 1828 mit der Einsetzung des ersten Bischofs Johann Baptist von Keller (1774-1845) gegründet.

In den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens war die Kirche das Zentrum des Frauenklosters Maisental. Der Konvent übte auf den oberschwäbischen Adel eine große Anziehungskraft aus. Prominenteste Nonne dürfte wohl die Markgrafentochter Adela von Vohburg aus dem Hause der Diepoldinger-Rapotonen gewesen sein. Sie war die erste Gemahlin des späteren Kaisers Friedrich I. Barbarossa sowie Herzogin von Schwaben. Die beiden verband allerdings eine recht unglückliche Ehe, die bereits nach sieben Jahren geschieden wurde.

Um das Jahr 1200 erreichte der Frauenkonvent der Prämonstratenserinnen einen Stand von 90 Schwestern, sodass der Lebensunterhalt der immer größer werdenden Klostergemeinschaft nur noch schwer zu bestreiten war. Eine großzügige Stiftung von Herzog Philipp (1177-1208) von Schwaben im Jahre 1197, der dem Kloster die Gemarkung St. Christina und weite Teile des heutigen Stadtgebietes von Ravensburg schenkte, erleichterte das Leben der Klosterfrauen.

Die Prämonstratenser

Der Prämonstratenser-Orden (lat. Candidus et Canonicus Ordo Praemonstratensis) war zur Zeit der Klostergründung erst wenige Jahrzehnte alt. 1120 hatte der Wanderprediger Norbert von Xanten den Orden zusammen mit 13 Gefährten im nordfranzösischen Prémontré gegründet, 1126 folgte die förmliche Bestätigung durch Papst Honorius II. Aus dem Gründungsort Prémontré ist auch der Name des Ordens abgeleitet. Die Lebensweise in der Prämonstratenser-Gemeinschaft unterschied sich nur geringfügig von der anderer Orden. Auch die Prämonstratenser unterwarfen sich den strengen Regeln des heiligen Augustinus. Dabei standen Armut, Enthaltsamkeit und Gehorsam im Vordergrund, aber auch Selbstlosigkeit, karitative Handlungen und die Bereitschaft zur Missionsarbeit. So verbanden sie das monastische kontemplative Leben mit der nach außen gerichteten Seelsorge und Missionstätigkeit (lat. vita mixta = 'gemischtes Leben'). Nach Schätzungen unterhielten die Prämonstratenser Mitte des 14. Jahrhunderts etwa 1.300 Männerklöster und 400 Frauenklöster in ganz Westeuropa.

Niedergang des Frauenklosters Maisental im 14. Jahrhundert

Die 1240 erfolgte Errichtung des mit größerer Selbstständigkeit ausgestatteten Zisterzienserinnenklosters in Baindt, im nördlichen Schussental, führte dazu, dass die Anziehungskraft des Klosters Maisental nach und nach verblasste. Im 14. Jahrhundert zählte das vom Weißenauer Konvent abhängige Prämonstratenserinnenstift nur noch wenige Schwestern. Zum letzten Mal sicher bezeugt wird das Frauenkloster Maisental im Jahr 1349.

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts dürfte das klösterliche Leben wohl aufgrund des fehlenden Nachwuchses an Schwestern erloschen sein. Auf dem Gelände des verwaisten Frauenkonvents entstand eine Ziegelei, die bis 1908 erhalten blieb.

Zur Zeit des Frauenklosters wurden wohl auch verstorbene weibliche Ordensangehörige rund um die Kirche beerdigt, während die Mitglieder des Weißenauer Männerkonvents innerhalb der Weißenauer Kirche St. Peter und Paul oder im seinerzeit nördlich der Pfarrkirche gelegenen Friedhof beerdigt wurden. Erst während der Pestwelle 1628/29 beerdigten die Weißenauer ihre Pesttoten im Schatten der Mariataler Kapelle. Seit 1662 ist Mariatal der offizielle Friedhof Weißenaus. Er ist damit einer der ältesten der Region.

1632 verfügte der Weißenauer Abt Johann Christoph I. Härtlin die Erneuerung des vernachlässigten Kirchleins und die Umbenennung von Maisental in Mariental. Seit 1728 heißt der Ort offiziell Mariatal.

In den Jahren 1904 wurde die Kapelle Mariatal renoviert, 1930 wurde der Glockenturm und 1939 die Fassade saniert. 1948 erfolgte der Anschluss ans Stromnetz. Bei Renovierungsarbeiten in der Kapelle während der Jahre 1975/76 und 1997/98 kamen immer wieder Spuren des alten romanischen Kerns der früheren Klosterkirche Maisental zum Vorschein.

Barockisierung der Kapelle im 18. Jahrhundert

Die romanische Kirche wurde im 18. Jahrhundert innen und außen qualitätsvoll barockisiert. Abt Anton I. Unold (1697-1765, Reichsabt OPraem 1724-1765) ließ einen neuen Hochaltar errichten und schuf hier einen Ehrenplatz für das Gnadenbild der "Maria Tallensis". Das Hochaltarbild hatte er 1728 in Stuhlweißenburg (heute: Székesfehérvár, Ungarn) erworben und nach Weißenau gebracht, um hier einen Marienwallfahrtsort zu schaffen. Das Marienbildnis wird bis heute als wundertätiges Bild verehrt. Zeitgleich mit der Aufstellung des Bildes wurde der Weiler von Mariental in Mariatal umbenannt.

Die Deckengemälde in der neuen Kirche gestaltete Johann Gabriel Roth im Jahr 1727. Der Maler hatte von 1721 bis 1724 im Dienste der Grafen von Waldburg-Wolfegg gestanden und war wohl von diesen weiterempfohlen worden. Nach Abschluss seiner Arbeiten für die Grafen von Waldburg-Wolfegg wurde Roth jedenfalls vom Weißenauer Abt Anton I. Unold, der selbst aus Wolfegg stammte, verpflichtet. Der Abt beauftragte Roth mit verschiedenen Malerarbeiten in der Pfarrkirche St. Peter und Paul, in der Kapelle Mariatal und in der Oberzeller Pfarrkirche zur Schmerzhaften Muttergottes. Die Gestaltung der Wandgemälde wurde hingegen dem deutsch-schweizerischen Maler Jacob Carl Stauder (1694-1756) übertragen. Er schuf 1738 die insgesamt 10 Wandgemälde in der Kapelle.

Im Jahr 1842 überließ der König von Württemberg der Kirchengemeinde Weißenau die Kirche Mariatal, während der Rest des Klosterareals in seinem Besitz blieb. Die Weißenauer sollten das Gotteshaus eigentlich abbrechen, entschieden sich aber für dessen Erhalt und pflegen dieses Kleinod seither mit großem Eifer. Heute dient die Kapelle als Friedhofskapelle und Andachtsort.

Aufwendige Restaurierung in den Jahren 2017 bis 2021

Von 2017 bis 2021 wurde die in die Jahre gekommene Kapelle Mariatal auf Initiative der Kirchengemeinde Weißenau mit Hilfe großzügiger privater Spendengelder und Mittel der Kirche für rund 1 Mio. Euro erneut komplett saniert. Dabei wurden u.a. der durch Fäulnis und Insektenfraß geschädigte Dachstuhl neu gestaltet, das durchfeuchtete, von Algen besetzte Mauerwerk fachgerecht getrocknet, die gelöste, abzustürzen drohende Deckenkonstruktion saniert und die Schiefstellung des Glockenturms behoben. Jetzt strahlt die Kapelle Mariatal wieder im alten Glanz und legt so Zeugnis ab vom einstigen Schwesternkonvent Maisenthal.

Frank Vollmer

Weiterführende Literatur & Quellen

Mayer, Herbert (2002): Kirche St. Maria und St. Nikolaus: Maisenthal - Mariental - Mariatal. Ravensburg.

Wieland, Georg (1995): Prämonstratenserinnen in Maisental: Über 200 Jahre Frauenkonvent bei Weißenau. In: Binder, Helmut (Hrsg.): 850 Jahre Prämonstratenserabtei Weißenau 1145-1995. Sigmaringen: Thorbecke Verlag, S. 73-96.

Schäfer, Joachim (2021): Eintrag 'Prämonstratenserorden'. In: Ökumenisches Heiligenlexikon.
www.heiligenlexikon.de 

Reiseführer der Prämonstratenser zu Klöstern im deutschen Sprachgebiet
www.praemonstratenser.de

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